Leseprobe (Anfang)

Mörderische Pflanzenwelt

28 Jahre! So lange bist du weg? Musstest du dich ausgerechnet dafür melden? Nicht einmal eine Nachricht schicken, ob's dir gut geht, kannst du uns. Junge, überleg es dir noch einmal!“

Hätte ich meiner Mutter sagen sollen, wie sehr ich mir das überlegt hatte? Sie kannte mich doch. Nur zu gut. Wenn jemand sie gefragt hätte, ob ich das Zeug zu einem Abenteurer habe, hätte sie überzeugt gejammert: „Gion doch nicht! Der ist so ein lieber Junge.“ Und dann – Gnade dem, der sie fragen sollte – hätte sie genau erläutert, was für ein lieber Junge ich sei. Aber Recht hätte sie gehabt. Für einen Abenteurer würde mich niemand halten. Ich selbst am allerwenigsten.Und daran war meine Mutter nicht so ganz unschuldig … Aber hätte ich ihr sagen sollen, dass ich gerade deswegen so radikal weg musste? Dass ich unbedingt auf meinen eigenen Beinen zu stehen lernen musste? Dass ich fand, alle Internatsschüler waren mir da schon voraus …

Und die Anderen, die mich kennen? Die glauben wahrscheinlich noch nicht einmal, dass ich in dem Raumschiff bin, wenn es längst gestartet ist. Ich soll mich freiwillig für dieses Unternehmen gemeldet haben?! „Du willst mich veräppeln. Wetten?! Da halt ich dagegen.“ Das Schlimmste: Ich glaube es ja selbst noch nicht!

Na gut, was habe ich schon erlebt? Mein Leben bestand bisher fast nur aus Schule – was hätte mir da passieren können?

Erst die Aussicht, eventuell zu scheitern, macht einen Einsatz interessant! Sagte unser Mento Ti-Ra immer. Als Mento kann man so etwas sagen. Muss man wohl auch.

Ich darf aber nicht scheitern. Sollte ich nach Jahren ungescheitert wieder auf die Noytja zurückkommen, hätte ich mich bewährt und dürfte studieren. Wenn nicht … Tja dann wäre ich eben früh als Held gestorben! Ti-Ra wird bei seinen nächsten Schülern vorsichtiger reden …

Aber muss ich deshalb gleich für so lange von hier weg?

Also ich weiß selbst nicht recht …

Wenn ich ehrlich bin … Das Meiste dessen, woran ich scheitern könnte, ahne ich doch überhaupt nicht. Ist auch gut so. Mit einem meiner Hauptprobleme pralle ich allerdings gerade zusammen: Ich bin absolut kein kommunikativer Typ und wie mir scheint, sind im Moment nur die gefragt. Total lässig müsste man sein. Na, wenigstens bei den anderen so ankommen. Und das kann ich von mir nun wirklich nicht behaupten.

Keine Ahnung, warum ich es trotzdem durch die Tests geschafft habe.

Doch, ich habe! Sonst wäre ich ja nicht hier.

Aber wie! Reichlich verlassen stehe ich an der Wand und werfe jedem neu Hereinkommenden fragende Blicke zu. „Wollen wir Freunde werden?“ Gibt es denn hier niemanden, der Blicke lesen kann?

Bisher scheine ich allen unsichtbar. Einer zum Ignorieren.

Warum habe ich das Gefühl, am Rande einer Turnhalle herumzustehen? Es ist ja nicht so, dass ich Turnhallen früher gemieden hätte, auch wenn ich kein herausragender Sportler war. Aber dieser Sammlungsraum hier … wirkt eben genauso unpersönlich auf mich wie eine Sporthalle. Jedenfalls ist er beim besten Willen kein sehr anheimelnder. Vielleicht ein beeindruckender – was für mich eher bedeutet bedrückender.

Ich traue meiner Mutter zu, dass sie immer noch draußen steht, um mich in Empfang zu nehmen, sobald ich umgekehrt bin. Danke, Mum, der Gedanke hilft durchzuhalten und so blöd allein herumzustehen.

Auf der Noytja geht man Leuten, die einem unsympathisch sind, aus dem Weg. Bei den vielen Netzgemeinschaften ist es noch leichter: Ein Klick und weg! In der Siedlergemeinschaft, in die ich mich nun eingliedern soll, wird niemand irgendwoandershin wechseln können, und keiner schert sich darum, wenn jemand mit einem Anderen nicht kann, sie sich nicht sympathisch sind. Muss man da nicht versuchen, mit allen gut auszukommen? Hätte ich mir so vorgestellt. Das erste Gefühl jedoch, das ich hier überall empfinde, ist eine fast feindliche Abgrenzung untereinander. Man kann sie sogar sehen.

Soll ich auf Wildfremde zugehen, „Hallo!“ sagen, wenn jeder, den ich bisher getroffen habe, schon Gesprächspartner hat?

Diese Fünffingrigen zum Beispiel, diese sogenannten Menschen. Die haben es da leichter. Die kennen sich schon länger. Trotzdem! Selbst unter ihnen gibt es Gruppen, die einander behandeln, als verbreiteten die jeweils anderen ansteckende Krankheiten oder sowas. Angeblich hängt das damit zusammen, welche Rolle sie früher auf ihrem Planeten gespielt haben. Selber schuld! Warum haben sie sich ihr altes Gedächtnis reaktivieren lassen. Hätten sie das nicht getan, hielte sich niemand für etwas Besseres oder Schlechteres … Wenn ich Pech habe, begleiten wir nur die unfreundliche Hälfte dieser Fremden und die, mit denen wir Spank gut ausgekommen wären, hat sich für eine Zukunft auf der Noytja entschieden. Egal. Auf jeden Fall reden diese Menschen hier meist nur innerhalb ihrer jeweiligen Teilgruppen miteinander.

Ich suche Besonderheiten, die die Mitglieder der einen Gruppe von denen der anderen unterscheidet. Aber inzwischen weiß ich schon, dass die Wirkung ihrer Köpfe nicht nur durch verschiedenfarbige Haare verfälscht wird, sondern dass diese Farben selbst oft nicht echt sind.

Wahrscheinlich müssten Jahre vergehen, bis ich mich mit einem von denen angefreundet hätte. Mist: Es werden ja auch Jahre sein …

Die Spezialisten unter uns Spank sieht man am wenigsten. Die haben es gut; die beherrschen ihre Aufgaben. Außerdem sind viele miteinander verbandelt. Die sind aus verständlichen Gründen mehr unter sich. Sie wissen ja, dass sie bei dem Projekt dabeibleiben und aufeinander angewiesen sein werden.

Ständig habe ich bei denen das Gefühl, im Weg zu stehen.

Nein, das liegt nicht nur an mir. Diejenigen, die hier wissen, wo es langgeht, sind eben keine Mentos. Anstatt solche wie mich ranzuwinken und anzuleiten, „Hier, pack mal mit dort an!“, knurren sie: „Geh da weg!“ oder „Musst du da rumstehen?“ Also steht eben einer wie ich erst wirklich rum und verzieht sich dann in eine Ecke.

Bleibt also nur meine kleine Gruppe. Wahrscheinlich fischen die Beobachter unter uns jungen Möchtegern-Helden noch einige heraus, die im letzten Moment als weniger gut geeignet aussortiert werden. Aber wer möchte schon den Start verpassen, nachdem er es bis hierher geschafft hat? Also ich nicht!

Ob vielleicht einige im letzten Moment von selbst abspringen? Unter den Bewerbern sind sicher noch ein paar, die sich bisher mit niemandem angefreundet haben. Solche wie ich. Bewerbungen kamen ja wohl von Schulen aus allen Ecken der Noytja. Wahrscheinlich hat sich mein Jahrgang geschlossen beworben. Die Vorrunden waren aber so eingerichtet, dass wir uns möglichst nicht begegnet sind. Letztlich sind die meisten, warum auch immer, ausgeschieden. Böse Zungen behaupten, es gäbe in dem Jahrgang auf dem ganzen Planeten ohnehin nur wenig mehr als 30 Schüler. Da stünden die Chancen für jeden Bewerber gut. Sehr witzig … Ich finde es boshaft, so etwas zu verbreiten.

Blöd, dieses Herumstehen! Möcht wissen, was die beiden Typen da drüben an sich haben! Im Vorübergehen habe ich ihre Namensschilder entziffert: Tajus und Wego. Kaum sind wir hier eingetroffen, haben sie kleine Gruppen um sich versammelt. Mädchen und Jungen. Haben noch nichts geleistet, werden aber schon angehimmelt. Die sich um die herum sammeln, sind bisher bestimmt noch nicht mit ihnen befreundet gewesen.

Soll ich mich etwa irgendwo einreihen, weil ich nicht gleich selbst einen auf toller Typ machen kann? Soll ich die, die so groß tun können, etwa noch aufwerten? Erklären kann ich es nicht, aber niemand würde sich wundern, würde ich winken und „Hallo Tajus, hallo Wego!“ rufen. Bloß, wenn dann jemand leise fragte, „Wer issn das?“, käme raus, dass mich niemand kennt.

Nein! Ich guck mich lieber erst um, wer zu mir passt.

Viel über Temperament und ob man zueinander passt, lässt sich nach Meinung einiger Therapeuten aus den Augen herauslesen. Aber ich kann doch nicht jedem tief in die Augen sehen! Höchstens Kopfformen prägen sich schon von weitem ein. Aber selbst das fälscht die Mode: Seit sich die Eigenarten der Menschen herumgesprochen haben, gibt es auch unter den Spank welche, die sich künstliche Haare auf den Kopf setzen wie eine Mütze.

Meine Gedanken schweifen ab. Ich sehe mich wieder in dieses Büro eintreten. Normalerweise mustere ich jeden Spank, mit dem ich etwas zu tun haben könnte, und kann nachher beschreiben, was es für einer ist. Von dem damaligen Gegenüber ist aber nur haften geblieben, dass es ein Mann war. Na gut: Ich war aufgeregt, erwartete eine Prüfung. In gewisser Hinsicht wurde es auch eine. Aber nicht ich hatte dabei etwas zu sagen, sondern jener Herr. Er spielte mir Aufzeichnungen der vorausgegangenen beiden Expeditionen vor. … spankliche Überreste, weitgehend verdaute, offenbar vorzeitig wieder ausgeschiedene … Würgereiz“ und Diese 'Liane' schnellt aus dem Unterholz heraus, umschlingt Maschade und Marwart, und ehe ich recht begreife, sind beide in der Unsichtbarkeit des Unterholzes verschwunden. Einen kurzen Augenblick lang tönen noch Geräusche über die Lichtung. Uns Zusehenden kommt es endlos lang vor. Dieses Jaulen, Quieken, Röcheln, dieses dumpfe Knacken wie von hautgeschützten, aber nun doch brechenden Knochen.

Dann wieder Stille. Unschuldig friedliche Stille. Kein Spanklaut mehr. Töne, an Schmatzen und Würgen erinnernd, gibt es nur noch in unseren Hirnen

Wenn dieser Typ mich damit verunsichern wollte, so ist ihm das nicht gelungen. Zumindest habe ich es nicht gezeigt. Hoffe ich jedenfalls.

Der Mann ließ sich beinahe lustvoll darüber aus, mit welch hoher Wahrscheinlichkeit ich nie mehr zurückkommen würde und dass mich ein eventuell grauenvoller Tod da oben erwarten könnte

...

Autor: Slov ant Gali

27. März 2015 / Stand 2018

 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Slov ant Gali