Leseprobe:  Jonathan findet seine Bestimmung ...

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Bei uns mussten es immer gleich 'Mörderbienen' sein oder etwas in der Art, Hauptsache extrem. Na gut, wir waren gerade zehn Jahre alt und hungerten nach etwas richtig Gefährlichem, das Spannung und Grusel in unseren Alltag brachte. Der bestand ja nur aus Schule und Hausaufgaben und Helfen bei der Eltern.

Ich glaube, es war eine Zeitung, in der der Ausdruck Mörderbienen zum ersten Mal verwendet worden war. Angeblich war ein Bienenschwarm über einen harmlosen Farmer hergefallen, den man nachher nur noch tot wiederfand. Wir lasen „... zerstochen“. Was ein anaphylaktischer Schock sein sollte, verstanden wir nicht.

Einer der älteren Jungs aus unserer Schule behauptete, den Mann zu kennen, und seitdem kursierten mehrere Versionen der Mörderbienenstory. Die Erzähler waren alle dabei gewesen oder kannten einen, der im Stil eines Comic-Helden alles als Sieger überstanden hatte. Die geschilderten und selbstverständlich gewonnenen Kämpfe wurden immer dramatischer und die Gegner waren halt Bösewichte mit echten Stacheln und Gift.

Keiner wusste richtig etwas, aber alle redeten mit. Richtige Raubtiere gab es in unserer Gegend ja längst nicht mehr. Wir Kinder wollten aber auch unsere Abenteuer bestehen.

Um ausgerechnet aus Honigbienen etwas Gruseliges zu machen, brauchte man schon einige Fantasie. Die Zeitungsschreiber hatten welche - noch mehr als wir. Die schlachteten gern Meldungen über Schwärme aus, die angeblich geschlossen über unschuldige Farmer hergefallen wären, um sie zu töten. Vielleicht hatte es einmal einen solchen Vorfall gegeben, aber er wurde mehrmals eindrucksvoll aufbereitet, als gäbe es nichts Gefährlicheres auf der Welt als marodierende mordlustige Stacheltiere.

Wenn wir sonst kaum in eine Zeitung hineinschauten – nach solchen Horrormeldungen waren wir richtiggehend süchtig. Ansonsten gab es bei uns überhaupt nichts Bedrohliches, wenn man einmal von diesem leicht schwefelmilchfarbenen Himmel absah, von dem die Alten behaupteten, früher, also als sie noch in unserem Alter gewesen seien, sei er an solchen Sonnentagen mitunter tiefblau gewesen. Wir ließen sie schwatzen und lachten, aber irgendwie … wenn wir danach nach oben sahen, bildeten wir uns ein, da flögen in Dunst aufgelöste Geister, und wir wollten uns besonders gut benehmen, denn wir wurden bestimmt vom Himmel aus beobachtet und – von einer Mörderbienenplage stand zwar nichts in der Bibel, aber man konnte ja nie wissen – hier kündigte sich eine grausige Strafe an.

 

Zu dieser Zeit war ich bei den meisten als Schlappschwanz abgestempelt. Ein echter Außenseiter, einer von denen, die das Schicksal zum Mobben freigegeben hatte.

Also richtiger: Ich musste bei den Spielen meiner Klassenkameraden mitspielen. Der letzte Schrei unter den Videospielen, die wir gerne „in echt“ nachspielten, hieß „Die Russen kommen!“ und immer hatte ich den Russen zu machen. Sie setzten mir eine alte dicke Mütze auf und schmierten mir Dreck ins Gesicht, damit es echt aussah. So musste ich dann die Mädchen erschrecken, und die anderen Jungen durften sie beschützen, bis ich ausreichend verprügelt worden war. Das hatte damit zu tun, dass wir die Russen für ein Volk hielten auf der anderen Seite des Pazifik, das noch viel im Wald lebte, den sie da Taiga nennen, wenn man nicht durchkommt und Tundra, wenn man durchkommt. Und wer so lebt, muss natürlich kulturlos und böse sein. So jedenfalls stand es auf der Spielanleitung und Lehrer Finch hatte es uns bestätigt.

Nein, mir fehlte einfach all das, was man als Junge haben muss, um in einer Gruppe gut angesehen zu sein – Muskeln oder das gewisse Etwas im Gesicht und im Gehabe, eine große Klappe … Und das Schlimmste: Mein Vater war kein echter Farmer. Im Gegenteil: Er war Imker. Mit anderen Worten: Er war für die meisten ein undichter schräger Vogel, der Mörderbienen züchtete, wahrscheinlich sogar mit ihnen sprach. Wegen eines Glases Honig im Jahr … also auf das konnte man wirklich verzichten, auf ein ordentliches Steak aber nicht, zumindest nicht als Mann.

Die Sache mit den Mörderbienen verschaffte Dad einen Ruf, wie ihn in alten Zeiten die Kräuterweiber gehabt haben mochten, die man einfach zu Hexen erklärt hatte. Dabei war er in seinem Job eher so etwas wie ein Trucker. Tagelang war er auf Tour, wenn Bienen zum Bestäuben angefordert wurden. Natürlich ließ er seine summenden Helfer auch an den Feldern der Eltern meiner Klassenkameraden fliegen. Zu einem Freund oder gar einer Freundin verhalf mir das aber nicht. Mir fehlte nur oft der Vater für ein Gespräch unter Männern. Manches erzählte man, also wenn man ein Mann werden wollte, eben nicht seiner Mutter.

Meine Position in der Klasse änderte sich an meinem 11. Geburtstag schlagartig. Peter und sein Clan hatten mich in der Woche davor mal wieder in die Mitte der Taiga zurückgejagt. Sie schubsten mich von einem zum anderen, und Schiss war das Wort, das ich am häufigsten zu hören bekam. Peter wollte nämlich, dass ich mich „freiwillig“ mit ihm prügelte, und ich wollte nicht wieder verprügelt werden. Was weiß ich, wie mir dabei dieses „Selber Schiss!“ herausgerutscht war. Jedenfalls sollte ich das begründen, und da behauptete ich, dass ich mir zutrauen würde, nackt vor unseren Bienenwaben zu stehen und er nicht. Das Ergebnis war eine Wette.

Wie wunderten sich Mum und Dad, als ich erzählte, dass fast meine ganze Klasse zur Geburtstagsfeier kommen wolle. Sonst war die immer nur ein Anlass für das elterliche Treffen mit den Hansons gewesen, und wir, deren Junge und ich, dienten den Erwachsenen als Vorwand, gemütlich auf ein Bier zusammenzusitzen. Diesmal sollten sie nicht einmal mit in den Garten kommen dürfen!

Und dann passierte das, was niemand erwartet hatte: Ich durfte zwar Boxershorts anbehalten wegen der Mädchen, aber so fast nackt trat ich zwischen die Bienenkörbe. Wie ein Denkmal posierte ich zwischen ihnen. Entsetzt sahen die anderen Kinder Bienen auf meinen dünnen Armen landen. Dorthin hatte ich noch ein Paar Kleckse Honig geschmiert. Peter murrte, da sei bestimmt ein Trick bei und er doch nicht blöd, mir das ohne den nachzumachen.

Ausgerechnet an diesem Morgen war wieder eine Meldung im Fernsehen gekommen, Mörderbienen wären über einen Mann hergefallen. Dieses Mal hätten sie ihn aber „nur“ in Lebensgefahr gebracht. Weil mir selbst das nichts auszumachen schien, war ich plötzlich der Held der Schule und wurde auch später nicht wieder gehänselt. Als endlich anerkannter Junge empfand ich von nun an beinahe so etwas wie Freundschaft mit diesen als besonders fleißig geltenden Insekten. Sie waren ja sozusagen Streber wie ich. Ich bildete mir ein, die Bienen kannten mich und mochten mich. Wenn mich doch mal eine stach, sehr selten übrigens, musste sie wohl neu im Volk sein.

Und dann kamen eines Tages fast alle unsere Bienenvölker nicht mehr zurück. Wie auf Verabredung. Einfach so. Nicht einmal die, die bei uns in der Nähe ausgeschwärmt waren. Wochenlang hechelten wir Nachrichten hinterher, die wenigstens einen kleinen Hinweis enthalten konnten, war aus ihnen geworden war. Vergeblich.

Dad war schon eine Weile vorher krank gewesen. Er hatte das bis dahin gut vor uns verborgen. Nun aber schien mit unseren Bienenvölkern auch sein Lebensmut verflogen. Ich sehe mich noch an seinem Krankenbett stehen und dieses unselige Versprechen abgeben:

Ich werde mich weiter um unsere Bienen kümmern.“

Ich weiß nicht einmal, ob Dad in jenem Moment überhaupt noch daran dachte, dass seine fliegenden Freunde nicht mehr da waren. Vielleicht hatte er meine Worte auch einfach so verstanden, dass ich seine Tradition als Imker mit den wenigen noch vorhandenen Völkern oder überhaupt fortführte. Doch ich fühlte mich daran gebunden, denn seine Bitte hatte er in einem seltenen Moment der Klarheit zwischen zwei Phasen hervorgebracht, in denen er schon geistig weggetreten war. Gleich danach hatte er unvermittelt angefangen zu schimpfen: „So geht Globalisierung. Milben aus Afrika oder Indien oder irgendeinem Land ohne Kultur. Klar! Deren Bienen kennen dieses Parasitenpack seit Jahrtausenden. Wenn sich in den Bienenstöcken dort zu viele Milben eingenistet haben, dann ziehen die gesunden Bienen einfach um und entwickeln sich anderswo weiter. Bei unserer Kulturbiene geht das nicht … Sprüht sie ein! Es lebe die amerikanische Bienenkultur! Vernichtet die Unkräuter … Nein, rettet sie! … Gift, Gift, da hilft nur Gift … Man muss … verbieten … wie bei den Italienern und deren Beutenkäfern. Die dürfen nicht rein bei uns …“

Ich war entsetzt. Dad hatte früher nicht so verbohrt gesprochen. Wenn er denn Zeit für mich gehabt hatte, hatte er sich bemüht, mir die Welt zu erklären und dabei die Achtung für Fremde und Fremdes zu vermitteln. Aber solche gegenteiligen Gedanken mussten schon damals in ihm gewesen sein.

Eine halbe Stunde später hörte er dann auf zu atmen. Es war mir keine Zeit geblieben, das Versprechen zu relativieren. Und offen gesagt zweifelte ich inzwischen an jeder Theorie über das, was mit unseren Bienen passiert sein könnte. Irgend so ein Europäer hatte geschrieben, bei uns in Amerika läge es am Stress, und ich hätte es geglaubt, wenn die auf der anderen Seite des großen Teichs nicht ähnliche Probleme gehabt hätten. Da nachzuhaken, das wäre doch eine Erfüllung der letzten väterlichen Bitte. Ein Anfang zumindest.

 

***

 

Gab es Wege, dieses nun einmal gegebene Versprechen einzulösen? Ich weiß nicht, ob ich an einen Gott glaubte, also so einen, wie der Pfarrer ihn uns beschrieb. Aber ein letztes Versprechen am Totenbett war doch zu erfüllen, egal ob das für Dads Seele im Himmel wichtig war oder nicht! Dass Mum sich um die Familie kümmern würde, so gut sie irgend konnte, war ihm dagegen selbstverständlich, absolut nicht der Erwähnung wert.

Du willst doch nicht der Bienen wegen von zu Hause weg?!“

Für Bienen ist nicht jeder gemacht. Dad wars und ich bin es auch.“

Ich hatte mich mit Mum nie richtig verstanden – als Kind stellt man so etwas fest, aber weiß nicht warum. Waren es wirklich die Bienen, die zwischen uns standen – auch nach Vaters Tod noch? Tat es Mum weh, dass ich als Kind dieser Tiere wegen Dad nähergestanden hatte als sie, und sie hatte gehofft, ohne die Bienen wären wir eine normale Familie? Vielleicht hatte sie sogar … Nein, viel später war ich mir sehr sicher, sie hatte nichts mit dem Verschwinden der Bienenvölker zu tun. Das habe ich auch nie laut gedacht.  ....

 

 

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