Leseprobe 2

Noytja 7 (Beerdigung)

Am nächsten Morgen wankte meine Überzeugung, dass unsere bevorstehende Flucht gelingen würde … zumindest ein wenig: Die Frage der Fragen war doch, wo wir uns verstecken sollten, ohne aufzufallen. Ich meine, über einen längeren Zeitraum. Ich fand keine Antwort, die wenigstens mich selbst überzeugte. Im Gegenteil: Ich hatte das ungute Gefühl, dass ein Vorhaben wie das unsere beim besten Willen nicht in eine Gemeinschaft einander und aufeinander Achtender passte.

Die folgenden Tage vergingen ohne Zwischenfälle. Das heißt, vier Lehrer fragten mich, fünf Zuyo, was denn nun aus uns werden würde. Ich hatte Zuyo schweren Herzens erklärt, eine Notlüge sei eine Unwahrheit, mit der wir keinen Schaden anrichteten, vor allem keinen gemeinschaftlichen. Um zu verhindern, dass man uns mit einer unliebbaren Familie strafe, obwohl wir nichts angestellt hätten, sei es vernünftig, eine Unwahrheit zu sagen, und so erzählten wir beide von einer Tante, die sich um uns kümmern würde. Erst als der Schwindel auf der Welt war, merkte ich, dass ich wahrscheinlich dadurch erst das Verhängnis ausgelöst hatte. Vielleicht wäre unter denen, die uns mitfühlend gefragt hatten, jemand gewesen, der uns aufgenommen hätte, so locker, wie es gut gewesen wäre. Oder er hätte jemanden vermittelt. Aber die angebliche Tante schreckte ab.

Was soll's? Es waren eh nur lauter Hättes.

Ganz leer war die Abschiedshalle dann nicht. Es waren unsere Mitschüler mit Eltern da und die meisten Lehrer. Natürlich fragten sie nach der Tante und uns fiel nichts ein. Ich war blöd genug, zu antworten, ich wisse auch nicht, wo sie gerade sei, eigentlich müsste sie da sein. Der zweite Teil meiner Antwort war sogar wahr. Aber natürlich war nun klar: Einer der Lehrer würde sich in der Meldestelle erkundigen wegen eines berechtigten gesellschaftlichen Interesses, und da wir ja keine Tante hatten, käme die gemeinschaftliche Verantwortung auf uns zugerollt wie ein Kolloball von einer Bergkuppe.

Man würde uns unter amtliche Obhut stellen und nicht weiter unbeaufsichtigt lassen. Vielleicht hatten wir von da an überhaupt keine Chance mehr. Vielleicht hatte uns längst ein Rechner herausgefischt und unter den Trauergästen waren Amtspersonen, die nur unseren Abschied von dir abwarten sollten, um uns mitzunehmen.

Kiroko-san, heute weiß ich nicht mehr, ob wir uns nicht maßlos in etwas hineinsteigerten. Damals aber war ich sicher, uns konnte nur der blanke Horror bevorstehen. Verstehst du?

Zuyo erwartete, dass ich sie weiter schützte, mir war klar, dass ich das zum ersten Mal wirklich tun musste, und wenn wir erst einmal in Gemeinschaftsunterkünfte gesteckt worden waren, vielleicht sogar getrennt voneinander, da konnte schon alles zu spät sein. Ich hatte Angst, Kiroko-san, ganz jämmerliche Angst. Und die ist kein guter Ratgeber.

Wir fielen bei der Zeremonie ganz fürchterlich auf. Jeder konnte erkennen, dass wir allein waren. So viele Leute kamen und drückten uns. Sie fühlten mit uns. Zumindest glaube ich, sie gaben sich Mühe damit. Aber an dem Trauerbaum1 standen nur zwei. Zwei, die sich an den Händen hielten, zwei, die abwechselnd die Hand des Anderen pressten. In diesen bösen Traum hinein flüsterte ich Zuyo zu: „Keine Angst! Wir hauen gleich von hier ab.“

Sie nickte so heftig, als hätte ich sie gefragt, ob sie ein Schokoladeneis wollte. Dafür fühlte sie sich noch nicht zu groß.

Jetzt erst wurde mir bewusst, dass da immer noch eine Schlange von Spank stand, die uns zuraunen wollten, dass sie … na ja, eben sowas wie mitfühlten. Aber die meisten wussten wohl, dass sie das überhaupt nicht konnten. Wenn in dieser Welt ein Spank stirbt, dann ist er alt, freiwillig sehr alt, und er hinterlässt etwas, das bleibt. Du hinterließest uns und wir sollten so viel Trauer haben dürfen, wie wir selbst es richtig fanden.

Ich sah mir alle Besucher genau an. Vier Spank fielen mir auf, die ich nicht kannte, von denen ich glaubte, ich hätte sie noch nie zuvor gesehen. Drei von ihnen standen bei- und tuschelten miteinander und sahen zu uns herüber.

Es war so grausig. Kazuyo-shaya weinte. Ich spürte richtig, wie sie bei dir war und du bei ihr. Für mich war die Angst größer als die Trauer. Ich war doch der Einzige, den Zuyo noch hatte.

Wir pflanzten unseren Baum des Weiterlebens. Er sah genauso zart und schutzlos aus wie Zuyo. Nun hieß es, den „Wald der Anders Antwortenden“2 zu verlassen. Ob diese fremden Spank uns gleich am Ausgang greifen würden? Ich drängte mich zu Mento Mutamoto. Ihn würde ich vermissen im kommenden Jahr. Er meinte es wirklich gut mit solchen wie mir.

Was ich gesagt hatte, war vergessen, kaum, dass es mir über die Lippen gekommen war, denn eine Hand lag plötzlich auf meinen Schultern, eine Hand, so schwer wie ein Vorschlaghammer.

Vielen Dank, Mutamoto-mento, dass Sie uns alarmiert haben. So etwas haben wir in den letzten zehn Jahren nicht ein einziges Mal gehabt, dass sich der hinterbliebenen Kinder nicht ein einziger Erwachsener aus natürlichen Bindungen heraus annehmen konnte. Dass es jemand nicht wollte, ja, dreimal, aber sowas …“

Ich hörte die Stimme so laut, als wäre sie aus einem Verstärker gekommen, dabei hatte nur hinter mir jemand geflüstert. Es heißt, man fühlt bei Verbrennungen und an gefrorenen Hautpartien dasselbe. Ich muss ergänzen, man fühlt auch dasselbe, wenn über einen gesprochen wird wie über eine Sache und auf der Sache liegt eine Hand. Ich hätte es wissen müssen. Mento Mutamoto war ein sehr feinfühliger Mann. Er hatte längst bei der Meldestelle Alarm geschlagen.

Kazumo-khan, dass wir von der Gemeinschaftlichen Kinderumsorge sind, kannst du dir ja denken. Wir müssen jemanden finden, der sich in den nächsten Jahren um euch kümmert. Ihr müsst ja in geordneten Verhältnissen aufwachsen. Habt ihr dazu Fragen?“

Ihr“ hatte er gesagt und mich angesprochen. Also ging er davon aus, dass ich für meine Rana mit entschied.

Nein. Zu entscheiden hatten „wir“ in Wirklichkeit nichts. Fragen durfte ich, damit im Protokoll stände, „Ist verständig.“ oder etwas in der Art. Und meine Fragen würden bald sogar gegen mich verwendet werden. Hätte ich etwas gegen eine künftige Familie, dann bliebe ich, dann blieben wir im Gemeinschaftshaus in Warteposition im Jungen- oder Mädchentrakt.

Also entschied ich wirklich alles, indem ich fragte: „Können Sie so schnell laufen wie wir?“

1Noytjanisches Beerdigungszeremoniell. Für jeden Verstorbenen wird ein Baum (des Weiterlebens) gepflanzt.

2Friedhof / Friedwald

Autor: Slov ant Gali

Entwurf öffentlich seit 27.3.15:

 

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