Leseprobe 1

 

Erde 1 (Djepps Start)

Siegen, siegen, siegen, töten, töten, töten …

Djepp rannte. Rannte so schnell er konnte. Und er konnte schnell rennen. Djepp hatte eine zweite Chance bekommen. Wer bekam die schon? Er musste sie nutzen. Unbedingt überleben. Die Anderen fertigmachen. Sie eliminieren. Das würde er.

Kurz hatte Djepp sich vorgestellt, als Erster ins Labyrinth zu starten. Das wäre was! Niemand könnte ihm irgendwo auflauern. Aber mit solch müßigen Illusionen konnte er sich nicht aufhalten. Rennen! Rennen durch das Gewirr eines Gebäudes, das gebaut worden war, um nicht verstanden zu werden. Djepp studierte die beiden Lagepläne so lange, bis er das Wichtigste im Kopf hatte. Die Aussichten standen gut für ihn.

Die Karten enthielten so viel Verwirrendes. Selbst die Begriffe stimmten nicht. Ein Labyrinth zum Beispiel: Eigentlich doch viele Wege und nur einer ist der richtige. Hier aber gab es viele Wege, die alle „richtig“ waren, wenn man keinem Heckenschützen ins Visier lief. Und die „Wohnungen“ waren natürlich keine im eigentlichen Sinne …

Klar. Dort wo keine „Extras“ eingebaut waren, bestand das Gebäude aus aufeinanderfolgenden „Wohnungskarrees“. Eine „Wohnung“, die sich lang hinzog, folgte einer, die sich im Winkel von 90 Grad an sie schmiegte. Im Normalfall wenigstens. Aber was war hier schon normal. Extras waren eher die Regel. Der Grundriss spiegelte sich mitnichten exakt auf der anderen Seite des Ganges. Wäre ja auch zu einfach … Man konnte immer nur ein kurzes Stück geradeausgehen, lief dabei auf „Türen“ zu, die Öffnungen waren, hinter denen auf beiden Seiten Platz war für die Deckung eines Gegners. Oder man ging durch die Wohnungen hindurch und kam dann an anderer Stelle wieder auf den Gang zurück. Oder war tot. In einen Hinterhalt geraten.

Djepp hatte auf Glück gesetzt, sein Glück, dass alle Verstecke für Schützen in der Nähe der Eingangstür noch unbesetzt waren. Oder die Schützen langsamer als er.

Rennen. So weit wie möglich weg vom Eingang und endlich bewaffnet sein …

Wer schon im Labyrinth lauerte, hatte verschiedene Möglichkeiten, Gegner auszuschalten: Sie abzuschießen war natürlich die sicherste, ihnen ihr Paket vor der Nase wegzuschnappen machte allerdings mehr Spaß. Ohne Strahler mussten die Opfer danach splitternackt durch die Labyrinthhinterhalte irren – ohne Chance, sich bei einer Begegnung zu wehren, und eigentlich auch ohne Hoffnung, eines der Objekte zu finden. Ein Zombie-Dasein. Seit vielleicht zehn Minuten hetzte Djepp inzwischen durch die rechteckigen Öffnungen in den Wänden, ohne auf die Umgebung zu achten. Ihm war kein Mensch begegnet. Vielleicht war noch niemand vor ihm gestartet. Das wäre unwahrscheinliches Glück.

Oder vielleicht hatten die anderen Starter als Aufgabe gezogen, in der gegenüberliegenden Wohnungsreihe nach ihren Ziel-1-Säcken zu suchen. Auch das wäre Glück – allerdings ebenso unwahrscheinliches. Vielleicht war Djepp längst an nackten Startern vorbeigelaufen, ohne es zu bemerken. Dann hätten die ihn jetzt im Blick und das wäre eine Katastrophe, wenn sie vor ihm ihre Waffen fänden. Vielleicht lief er gerade dem ersten Hinterhalt entgegen … und das war das Wahrscheinlichste.

Er hielt inne und blickte sich suchend um. Dann bog er rechts in die nächste Wohnung ein, ging auf die Knie, suchte neben der Türöffnung die Markierung. Aha! Da war sie. Eine Handbreit vom Boden aus nach oben und dann etwa dieselbe Strecke von der Kante der Öffnung entfernt. Djepp grinste. Markierungen als Orientierungshilfen in einzelnen Räumen anzubringen, hatte er beim letzten Mal für eine gute Idee gehalten, auch wenn sie ihm letztlich nicht viel genützt hatten. Dass sie aber zwischenzeitlich offenbar nicht entdeckt, zumindest aber nicht entfernt worden waren, nahm er als gutes Omen. Er war also noch auf dem optimalen Weg. Weitere zwei Wohnungen, dann käme die Kathedrale.

Einen extrem hohen Raum hatte Djepp für sich so getauft. Und weil jedes Geräusch darin, im Gegensatz zu allen anderen Räumen, einen eigentümlichen Hall hinter sich herzog. Die Kathedrale war auch von draußen zu erkennen. Man konnte sie als Orientierungspunkt nutzen, wenn man sich im überbauten Teil des Labyrinths verirrt haben sollte. Mit Religion hatte der Bau allerdings nichts zu tun. Von Anfang an war alles als Übungsgelände für diese makabre Form des Nahkampfes konzipiert. Djepp kam sich vor wie eine Figur in einem durch und durch unwirklichen Computerspiel. An Monitoren saßen Spieler und freuten sich, wenn ihre Starter ihre Fähigkeiten entfalteten. Nur dass er Starter und nicht Spieler – und das Ganze ohnehin alles Andere als ein Spiel war.

Nicht ablenken lassen!

Zur Kathedrale zählte Djepp fünf Zugänge. Mist! Laut Karte hätten es sechs sein sollen! Also wieder eins dieser Verwirrspiele. Aber von wo aus sollte er zählen? Welche auf der Karte eingezeichnete Tür gab es in Wirklichkeit nicht? Existierten wenigstens alle Gänge? Unbegrenzte Möglichkeiten. Schade, dass er sich damit beim letzten Mal nicht näher befasst hatte. Jetzt nur nicht nervös werden. Hinter ihm lag der Korridor vom Eingang her. Zwei blitzförmige Zacken. Sie waren wohl Produkt der beschränkten Fantasie der Projektanten dieses Kampffeldes. Lange gerade Parallelen waren ihnen zu eintönig erschienen. Da hatten sie wild durcheinander solche Kurve-rechts-Kurve-links-Unterbrechungen eingebaut für mehr Stellungen zum Auflauern. Soweit sich Djepp erinnerte, im gegenüberliegenden Gang an gleicher Stelle. Man konnte sich von den Fensterlöchern der beiden Seiten des U-förmigen Gebäudekomplexes herrliche Schusswechsel liefern, wenn man wollte. Sofern man diese Öffnungen auch wirklich nutzte und nicht in irgendeinen Gang einbog, der ins Nichts führte. Oder in einer der Wohnungen landete, die Djepp für sich „Blindwohnungen“ getauft hatte. Räume, deren Fenster weder auf den Hof noch auf das freie Feld hinausgingen, sondern auf eine Art Lichtschacht innerhalb des Gebäudes. Na, ein Glück: Sein Ziel 1 würde er an dem Gang auf der Feldseite finden.

Djepp breitete Haupt- und Ausschnittkarte auf dem Boden aus. Wie gut: Er hatte eines der dem Eingang am nächsten liegenden Verstecke für den Ziel-1-Sack gezogen. Das war doch ein Vorteil.

Moment! Sollte das etwa …?

Djepp rannte von einer Türöffnung zur nächsten. Tatsächlich! Es gab nur einen Nachbarraum mit genau vier Fensterlöchern. Dann war der rechte Raum daneben einer der richtigen. Jetzt gerade durch. Mit der Karte vergleichen. Aha, noch einer. So …

Inzwischen stand Djepp Angstschweiß auf der Stirn. Dabei hatte er Grund zu einem möglichst schnell herunterzuschluckenden Freudenschrei: Nach der deprimierenden Leere der vielen Räume, durch die er bisher gelaufen war, stand er endlich vor einer Ecke, in der ein prall gefüllter Sack lag. Sein Ziel 1.

Und er lebte.

Palsteg. Hieß der Knoten nicht so?

Völlig egal. Wichtig war, dass er ihn schnell geöffnet bekam und zuoberst Kleidungsstücke lagen. Unterwäsche. Schnell rein!

Hm? Nicht gerade optimal. Na gut … er sollte ja auch nicht als Model auftreten. Hatte er erst einmal die Kampfmontur darüber, würde schon nichts rutschen. Und nun? Wo waren die verdammten Schnüre? Was nutzten Knieschützer, die über den Schienbeinen hingen?

So, jetzt ging's.

Schade. Ein paar Sekunden waren verschenkt.

Djepp grinste. Er stellte sich vor, Ta hätte dieses Ziel 1 gezogen. Die wäre glatt in den Klamotten verschwunden. Ob die Säcke insgesamt Kleidung entsprechend den Größen der jeweiligen Teilnehmer enthielten? Oder war alles wahllos verteilt? Vielleicht gab es sogar Damenunterwäsche? Sie hatten später nie darüber geredet … Oder Henk mit seinen Bodybuilder-Schultern … Na, es war schon gut so, wie es war. Zu klein wäre wesentlich unpraktischer gewesen als zu groß. Oder … Nein, beides war suboptimal. Aber insgesamt fühlte er sich sicherer, als er nicht mehr nackt, sprich: wehrlos war.

Djepp wühlte weiter. Ah! Da war der Strahler. So sah die Welt ganz anders aus. Die Waffe in der Hand gab ihm Sicherheit. Schicksal, dachte er vergnügt, such dir einen Anderen als Opfer. Ich bin keins. Jetzt wird nichts mehr mit mir gemacht, jetzt mache ich!

Was war noch drin? Aha … das Fresskonzentrat, eine Trinkflasche, voll, der Knobelwürfel, ein Messer und …

Musste alles warten. Hatte er schon 49 Stunden lang gehungert, kam es auf zwei, drei zusätzliche auch nicht mehr an. Wichtiger war, vielleicht noch weitere Ziel-1-Säcke vor den anderen Kandidaten zu finden. Jeder, den er erbeutet hätte, hieß letztlich, einen Gegner aus dem Rennen geworfen zu haben und über mehr Nahrung und Ausrüstung zu verfügen.

Wie war das System bei seinem vorigen Versuch vor ein paar Wochen gewesen? Vier Wohnungen rechtseck-linkseck, dann vier Wohnungen linkseck-rechtseck, damit nicht zwei Kandidaten denselben Sack zufällig für den auf ihrem Plan eingezeichneten hielten. Mal sehen, ob sie diesmal wieder so deponiert waren. Er hatte das alles doch schon einmal durch. Damals war er gescheitert. Das passierte ihm bestimmt nicht wieder!

Djepp fühlte sich gestärkt, als hätte er acht Stunden geschlafen und gut gefrühstückt. Er wusste, die Suggestion würde nicht sehr lange anhalten. Dann brauchte er seine Pause umso nötiger. Aber je mehr er geschafft hatte, bevor ihn ein Konkurrent stören konnte, umso ruhiger konnte er nachher abwarten. Zumindest lohnte es, das System durchzuspielen, nach dem die Säcke beim Mal zuvor versteckt gewesen waren. Begeistert stellte Djepp fest, dass er sich offenbar weder vertan noch verzählt hatte. Der nächste Sack lag an der errechneten Stelle.

Wohin damit? Erstmal mitnehmen.

War das nicht christlich? Weihnachtsmann im Tarnanzug mit zwei Säcken aufm Buckel, einer noch voll, einer halb leer?!

Quatsch! Gelacht wird später.

Nächster Versuch. Wieder richtig. Aber diesmal wurde es schwierig. Die drei Säcke duldeten einander nicht auf Djepps Rücken. Schubsten sich gegenseitig herunter. Djepp blieb nur übrig, sie zu ziehen und zu schleifen.

Nummer vier?!

Mist. Das Am-Boden-entlang-Schleifen hinterließ eine deutliche Spur. Die würde es einem Gegner leicht machen, Djepp direkt zu seinem hoffentlich bald gefundenen Versteck zu folgen. Djepp erlaubte sich ein kurzes Grinsen: Wäre auch eine interessante Kampf-Variante. War aber unwahrscheinlich, dass sie funktionierte. Er hatte es mit keinen Kindern zu tun, die ihm da folgten. Die Kandidaten würden sicher nicht ungedeckt in seine Schusslinie schlendern. Im Moment lockte er auf diese Weise sogar Gegner an, die sich ihm unbemerkt nähern konnten, so laut, wie ihm sein eigenes Tun gerade vorkam. Hoffentlich war noch niemand heran …

Einfach das Ziel 1 eines Anderen in einem Nachbarraum zu verbergen wäre erst recht keine Lösung. Die Suchenden würden es sofort finden – und sei es, weil sie der Exaktheit der Karten aus gutem Grund nicht trauten. Sie würden die Nachbarräume absuchen, sobald sie an der eingezeichneten Stelle nichts gefunden hätten.

Nein.

Das Beste war, je zwei Säcke über die Schultern zu werfen und nacheinander nach draußen zu tragen. Schnell zwei abstellen und die anderen beiden holen. Im Gestrüpp fände sie später nur, wer sie dort vermutete. Zum Beispiel er, Djepp. Er wusste ja auch, dass das Feld nicht so eben war, wie es laut Karte schien.

Die ersten beiden, die vollen Säcke, versteckte Djepp draußen, ohne gestört zu werden. Er wusste, sein Vorgehen war Leichtsinn. Doch der bisherige Erfolg machte ihn noch leichtsinniger. Auf die eigene Glückssträhne zu vertrauen, das gehörte einfach dazu. Djepp freute sich, weil die Last bei den eineinhalb Säcken etwas kleiner war als bei den zwei vollen zuvor und dass ihm niemand begegnet war.

Der überbeanspruchte Körper warnte ihn, er zeigte Erschöpfung. Sollte er der Schwäche nachgeben? Die unsichtbaren ewigen Beobachter würden es ihm ankreiden. Na und? Wichtiger war, dass er endlich eine Pause einlegte. Und warum sollte er nicht? Inzwischen hatte er ja schon Nahrungskonzentrat für vier. Fehlte nur noch das geeignete Pausenversteck.

Sollte er jetzt schon nachschauen, zu welchem „Objekt“ ihn die Würfel führten? Wenn er Pech hatte, alle zum selben, im Idealfall konnte er vier unterschiedliche erbeuten. Zumindest hatte ihm sein Würfel beim letzten Mal den Weg zu einem der sogenannten Objekte gewiesen. Warum sollte es diesmal anders sein?

Obwohl … Die Prüfer konnten sich gesagt haben, dass eine solche Wiederholung dann doch ein zu großer Vorteil für die Wildcards wäre. Dann führten die Dinger vielleicht diesmal in die Irre. Bislang wusste er ja nicht einmal, ob tatsächlich in allen Ziel-1-Säcken welche steckten.

Djepp dachte nach: Es war mit Sicherheit ein Vorteil, dass er sich aus vier Säcken länger sättigen konnte als Andere. Dadurch konnte er sich vielleicht eine besonders simple und günstige Taktik zum Überleben aussuchen: Er brauchte sich einfach nur zu verstecken.

Bei den Anderen ließe sicher die Konzentration nach, sobald sie schmerzhaft hungrig würden. Und sie würden. Unausweichlich. Djepp merkte es ja selbst. Die Ziel-1-Säcke zu erbeuten war anstrengender gewesen als erwartet. Dabei hatte er mit der Gewissheit gearbeitet, sich gleich satt essen zu können. Ob die alles beobachtenden Prüfer außer den Trinkflaschen noch extra Ballast in die Säcke gefüllt hatten und er hatte den mitgeschleppt?! Das wäre eine Blamage!

Djepp streckte seinen durchtrainierten Körper.

Hier draußen, unmittelbar an der Außenmauer, heizte die Sonne die Luft stark auf. Erst essen, dann Würfel analysieren, dann neu nachdenken, ob er es schaffen konnte, vielleicht noch weitere Säcke zu erbeuten. Wie viel Zeit mochte inzwischen vergangen sein? Auf jeden Fall genug, dass mehr als die Hälfte aller Starter sich bereits im Labyrinth befand. Djepp erwog die Reihenfolge seiner nächsten Handlungen, da spürte er einen stechenden Schmerz unter den Schulterblättern, einen, als hätte ihn jemand mit der Faust von hinten getroffen, mit einer Faust allerdings, an der ein Dorn angebracht war, der sich zwischen die Rippen zwängte.

Das ist das Aus.

Djepp hatte noch diesen einen klaren Gedanken.

Den letzten.

Dann sank er zusammen und blieb reglos im besonnten Gestrüpp liegen.

 

Autor: Slov ant Gali

Entwurf öffentlich seit 27.3.15:

 

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